Wie Beteiligung bei Schutzkonzept und Fachkräftemangel gleichzeitig wirkt

Die beteiligungsorientierte Entwicklung des Schutzkonzeptes verbessert nicht nur den Kinderschutz, sondern auch die Bindung der Mitarbeitenden.

Für die Weiterentwicklung eines Schutzkonzeptes gibt es viele gute Gründe. Einer davon ist, dass Du die Mitarbeiterbindung verbesserst. In diesem Artikel beschäftigen wir uns mit der Frage, warum Du bei der Entwicklung eines Gewaltschutzkonzeptes auf Beteiligung setzen solltest und dadurch gleichzeitig dem Fachkräftemangel entgegen wirkst.

Fachkäftemangel und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

In der sozialen Arbeit gibt es einen Mangel an Fachkräften – das ist nicht neu. Laut des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), beträgt die so genannte Fachkräftelücke 18.300 Sozialpädagog*innen. Bei der Fachkräftelücke handelt es sich um die Differenz zwischen der Anzahl der ausgeschriebenen offenen Stellen und der Anzahl qualifizierter Bewerber*innen (Quelle).

Die soziale Arbeit steht hier nicht allein da. In fast allen Branchen ist es eine Herausforderung, qualifizierte Fachkräfte zu finden und zu binden. Laut Report des deutschen Industrie– und Handelskammertages (DIHK) finden 51 % aller Unternehmen keine passenden Arbeitskräfte (Quelle).

Eine der zentralen Auswirkungen des Fachkräftemangels ist, dass sich der Arbeitsmarkt von einem Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmermarkt gewandelt hat. Konnten sich vor einigen Jahren die Arbeitgeber*innen noch ihre Mitarbeiter*innen aussuchen, ist es heute umgekehrt. Das führt dazu, dass die Arbeitgeber*innen heute noch stärker gezwungen sind, attraktivere Arbeitsplätze zu bieten, als ihre Mitbewerber*innen, um MItarbeitenden zu gewinnen und zu binden. 

Mitarbeiterbindung

Die Mitarbeiter*innenbindung stellt eine große Herausforderung dar, gleichzeitig hat sie beeindruckende Effekte. Laut dem Gallup Engagement Index 2020 geben 82 Prozent der Befragten mit einer hohen emotionalen Bindung zu ihrem Arbeitgeber an, auch noch in einem Jahr bei der derzeitigen Firma zu arbeiten. Auch noch in drei Jahren bei Ihrem Unternehmen zu arbeiten, gaben immerhin noch 75 Prozent der Befragten mit einer hohen emotionalen Bindung zu ihrem Arbeitgeber an. Auch eine Verbindung zwischen Mitarbeiter*innenbindung und den Krankheitstagen zeigt der Gallup Engagement Index: Mitarbeiter*innen mit einer höheren Bindung an das Unternehmen, fehlen seltener.

Wie kann die Mitarbeiter*innenbindung erhöht werden? 

Beteiligung als Schlüssel

Durch die Beteiligung der Mitarbeiter*innen, ihre Wertschätzung als Mensch und die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse. Dafür sprechen u.a. auch die aktuellen Erkenntnisse der Neurowissenschaft.

Die Beteiligung von Mitarbeitern spricht ihr Grundbedürfnis nach Mitgestaltung und Sicherheit an (Grawe: Orientierung und Kontrolle, Maslow: Sicherheit und Stabilität). Mitgestaltung ist wichtig für die Selbstwirksamkeit, also das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Gefühl,  Einfluss zu haben. Durch Selbstwirksamkeit empfinden Mitarbeitenden weniger Stress, sie sind leistungsfähiger und sicherer in ihrem Handeln. In der pädagogischen Arbeit, die permanent hochkomplexe Entscheidungen erfordert, ein wichtiger Faktor.

Mitarbeiter*innen die beteiligt werden, messen Strukturen und Aufgaben mehr Wert bei, wenn sie beteiligt sind. Das nennt man den IKEA Effekt. Der IKEA Effekt beschreibt die Auswirkungen von Mitgestaltung und Beteiligung. In dem Experiment von Michael I. Norton, Daniel Mochon und Dan Ariely wurde eine Gruppe von Menschen gebeten IKEA Boxen aufzubauen, eine zweite Gruppe von Menschen wurde gebeten, bereits aufgebaute IKEA Boxen auszupacken. Danach wurden sie befragt was für einen Preis sie bereit wären für die Boxen zu bezahlen. Die Aufbauer waren bereit einen 63 % höheren Preis zu bezahlen als die Auspacker. Der Effekt wurde in einem weiteren Experiment, bei dem es um das Falten von Origami Figuren ging, bestätigt  (Link zur Harvard-Studie, Link zum Video bei Youtube, in dem Dan Ariely u.a. den IKEA Effekt erläutert).

Die Beteiligung der Mitarbeitenden führt also zu besseren Leistungen und zu einer besseren emotionalen Bindung an ihrer Arbeit und ihren Arbeitgeber. Durch Beteiligung werden die Grundbedürfnisse der Mitarbeitenden berücksichtigt. Sie erfahren Wertschätzung und Handlungssicherheit. 

„Kümmere dich um die Menschen, dann kümmern sich die Ergebnisse um sich selbst.“

Bodo Janssen

Beteiligung bei der Entwicklung des Schutzkonzeptes

Das bisher beschriebene wirkt auf einer weiteren Ebene bei der Entwicklung eines Schutzkonzeptes. Die Beteiligung der Mitarbeitenden bei der Entwicklung eines Schutzkonzeptes, hilft ihre Bedenken wahrzunehmen, die aktuelle Situation zu reflektieren, und die Reaktion der Mitarbeitenden auf  die geplanten Veränderungen. Beteiligung hilft auch konkrete Bedürfnisse, Probleme, Nöte, Wünsche und Glaubenssätze der Mitarbeitenden sichtbar zu machen. Gleichzeitig hilft die Beteiligung der Mitarbeitenden (und jungen Menschen!) bei der Analyse der Risiken und Potentiale in der Einrichtung. 

Eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstitutes fand heraus, dass eine Grundorientierung (d.h. Unternehmenskultur), die auf Partizipation setzt, die Entwicklung von Schutzkonzepten fördert (Selina Kappler, Fabienne Hornfeck, Marie-Theres Pooch, Heinz Kindler, Inken Tremel 2019: Kinder und Jugendliche besser schützen – der Anfang ist gemacht. Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt in den Bereichen: Bildung und Erziehung, Gesundheit, Freizeit. ABSCHLUSSBERICHT des Monitorings zum Stand der Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland (2015–2018), S. 12). 

Fazit

Die Beteiligung von Mitarbeitenden hat, wie beschrieben, vielfältige positive Effekte – bereits unabhängig von der Entwicklung eines Schutzkonzeptes. Zusätzlich hat die Beteiligung auch direkte positive Effekte auf die Entwicklung eines wirksamen Schutzkonzeptes und somit auf den Kinderschutz in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. 

Die beteiligungsorientierte Entwicklung des Schutzkonzeptes verbessert also nicht nur den Kinderschutz, sondern auch die Bindung der Mitarbeitenden. 

Welche Rolle die Beteiligung für die Risikoanalyse spielt und diese Analyse der perfekte Einstieg in die Weiterentwicklung des Schutzkonzeptes ist, erörtern wir in einem der nächsten Artikel.